Title:

Altägyptische Astronomie

Description:  Mit diesem Artikel soll der Versuch einer kurz gefassten Bestandsaufnahme der möglichen und wahrscheinlichen astronomischen Kenntnisse der alten Ägypter vor dem jeweiligen historischen Hintergrund vorgenommen werden.
Author:Manfred Holl
deutsch
  
ISBN: 3642048366   ISBN: 3642048366   ISBN: 3642048366   ISBN: 3642048366 
 
  Wir empfehlen:       
 

Altägyptische Astronomie

Das gleichmäßig milde Klima im östlichen mediterranen Raum hat, besonders im Nildelta, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, in Akkad, Sumer und Ur die Entstehung erster Kulturen begünstigt. Am Unterlauf des Nil ließen sich rund 5000 Jahre vor der Zeitenwende erste Jäger und Sammler nieder. Sie begründeten die Badari- und die 1. und 2. Negade-Kultur, bis etwa um 3000 v. u. Z. mit der 1. Reichseinigung von Ober- und Unterägypten unter den Königen Narmer und Menes der Beginn der geschichtlichen Epoche Altägyptens anzusetzen ist. Diese endet mit der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen im Jahr 332. Mit diesem Artikel soll der Versuch einer kurz gefassten Bestandsaufnahme der möglichen und wahrscheinlichen astronomischen Kenntnisse der alten Ägypter vor dem jeweiligen historischen Hintergrund vorgenommen werden. Im gesamten Text wurde durchgängig die Terminologie v. u. Z. (vor unserer Zeitrechnung) für Jahresangaben verwendet, da sich der Beginn der christlichen Zeitrechnung, festgemacht an der Geburt Christi, zeitlich nicht genau lokalisieren lässt (mögliches Geburtsjahr –7) und somit der Bergriff v. Chr. oder n. Chr. vor diesem Hintergrund unsinnig erscheint.


Quellentexte
Bei der Rekonstruktion vor- und frühgeschichtlicher sowie antiker Kulturen drängt sich allgemein die Frage auf, woher man die Information beziehen kann, die man benötigt, um ein möglichst realistisches Bild zu zeichnen. Die altägyptische Kultur liefert gleich eine ganze Reihe von Quellen. Inschriften auf und in alten Tempelanlagen, Statuen und Göttern gewidmeten Stelen, auf gerollten oder gefalzten Papyri verfasste Texte, in Bruchstücken erhaltene Zeichen auf verwitterten Tonscherben, und schlussendlich die Hieroglyphen. Sie entstanden um etwa 3000 v. u. Z. als reine Bilderschrift. Viele Jahrhunderte hindurch waren deren Aussagen rätselhaft. Sie boten daher zu allen Zeiten viel Raum für Spekulationen, weil sie niemand entziffern konnte. In hellenistischer Zeit wurden sie gar als mystische Geheimschrift verklärt, während man zur römischen Kaiserzeit eher bemüht war, ihr Geheimnis zu enträtseln.

So deutete Horapollon in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. u. Z. in seiner Schrift Hieroglyphica ein Symbol als Synonym für einen Himmelsbeobachter, was zumindest den Eindruck erwecken müsste, dass die Astronomie bei den alten Ägyptern so hoch im Kurs stand, wenn man hierfür sogar eine eigene Hieroglyphe verwendete. Spätere Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass den ägyptischen Schreibern einst ein ganz anderer Sinn vorschwebte und man dessen Aussagen oft als phantasievolle Auslegung betrachten darf.


Der Stein von Rosette
Der entscheidende Schritt passierte dann im August 1799, als Pierre Bouchard, Offizier der napoleonischen Expeditionsarmee in der Nähe der Hafenstadt Rosette, ca. 70 km von Alexandria entfernt, einen mit Schriftzeichen bemalten Stein entdeckte. Das Interessante daran war ein in Hieroglyphen und in demotischer und griechischer Schrift abgefasstes Dekret des Königs Ptolemaios V. aus dem Jahr 196 v. u. Z. Der Stein wurde nach Alexandria gebracht, wo ihn 23 Jahre später der französische Ägyptologe Jean Francoise Champollion (1790-1832) untersuchte und die Hieroglyphen entziffern konnte. Der „Stein von Rosette” gelangte schließlich nach der Kapitulation Frankreichs in englischen Besitz und befindet sich heute im British Museum.

Die Crux an der Geschichte: Damit hatte man zwar relativ sichere Anhaltspunkte, was die Symbole in den Hieroglyphen bedeuteten, aber für eine sichere Übersetzung zwischen den einzelnen Sprachen war der Stein von Rosette nur bedingt tauglich.

Zwar kannte man das Altgriechische recht gut und konnte damit die demotischen Schriftzeichen übersetzen, was aber auch zu krassen Fehleinschätzungen führte (die weiteren Übersetzungen, auch in moderne Sprachen müssen deshalb immer sehr kritisch beurteilt werden). Das Demotische kam im Süden Ägyptens etwa im 7. Jahrhundert v. u. Z. auf, verbreitete sich im ganzen Land und wurde vorwiegend im täglichen Leben verwendet. Allerdings wurden schon nach ein paar Jahrhunderten keine neuen Wörter und Ausdrücke mehr hinzugefügt, die Sprache erstarrte.

Die hieratische Schrift wurde demgegenüber bei der Abfassung religiöserTexte verwandt und war eine Ableitung, bzw. Vereinfachung der Hieroglyphen und tauchte erstmalig in der Frühphase des Alten Reiches, etwa um 2600 bis 2500 v. u. Z. auf und war nahezu 2000 Jahre lang gültig. Daneben verwendete man in Ägypten etwa ab dem 3. nachchristlichen Jahrhundert das Koptische (die Bezeichnung rührt aus der arabisch-griechischen Bezeichnung Kibt für das Land am Hapi, dem Nil, her). Es war eine Mixtur aus den verschiedenen ägyptischen Sprachen und einigen griechischen Konsonanten. Das alles zusammen macht natürlich eine genaue Übersetzung altägyptischer Schriftquellen in andere Sprachen zu einem unsicheren Unterfangen, weshalb auch heute noch bestimmte Symbole in den Hieroglyphen nicht genau übersetzt werden können, sondern interpretiert werden müssen!


Problematische Quellen
Ein großes Problem schriftlicher Überlieferungen aus der pharaonischen Zeit besteht zudem in der Phraseologie der Sprache. So wurden gerade Schlachten wie die Ramses II. um 1285 v. u. Z. bei Kadesch am Orontes gegen die Hethiter oder der Eroberungsfeldzug Thutmosis III. um 1468 v. u. Z. gegen eine ganze Reihe syrischer und palästinischer Könige, der das reich ausgestattete ägyptische Heer schließlich bis nach Megiddo führte, sehr blumig und verklärt dargestellt. Das war Teil der offiziellen Politik. Im ersten Fall wurde die Beinahe-Niederlage Ramses II. in einen klaren Sieg verwandelt und die kleinen Scharmützel Thutmoses III. sollten dessen Ruf als bedeutsamer Krieger begründen und verfestigen. Weitaus realistischer waren Aufzeichnungen aus dem alltäglichen Leben.

Was die Niederschrift astronomischer Vorgänge oder gar von Beobachtungen angeht, so ist auch hier äußerste Vorsicht angebracht. Oft liest man in populärwissenschaftlicher Literatur, die Himmelskunde habe bei den alten Ägyptern sehr hoch im Kurs gestanden, die Zahlenmystik um die Cheops-Pyramiden bei Gizeh sind hier beredtes Beispiel. Manchmal wird auch von einer wissenschaftlichen Tradition berichtet. Dabei wird allerdings zumeist außer acht gelassen, dass es eine Wissenschaft im klassischen Sinne im Ägypten der damaligen Zeit gar nicht gab. Man war weder wie im späteren Babylon in der Lage, Sonnen- und Mondfinsternisse vorherzusagen, noch sich Gedanken über das Weltgebäude zu machen, wie die griechischen Philosophen.

Der Ägypter lebte in einer polytheistischen, mystifizierten Welt. Sonnen- und Mondfinsternisse wurden mit dem Zorn der Götter gleichgesetzt, sämtliche Naturerscheinungen verschiedenen Gottheiten zugeschrieben, das Leben war dem Willen oder Unwillen diesen unterworfen, man glaubte, das Ka, die Seele eines Menschen, würde nach seinem Tode zum Himmel aufsteigen und weiterleben. Doch in unserem Sinne wissenschaftlich hinterfragt wurde weder das Weltbild, noch irgendwelche Naturbeobachtungen.


Methodische Schwierigkeiten
Bei der Frage, inwieweit wirklich astronomische Kenntnisse vorhanden waren, prallen natur- und kulturwissenschaftliche Arbeitsmethoden aufeinander. Während in der Naturwissenschaft das Experiment im Vordergrund steht (außer bei der Astronomie, wo nur sehr selten ein Gegenstand im Labor untersucht werden kann und man daher auf indirekte Verfahren angewiesen ist), ist eine Kulturwissenschaft wie die Ägyptologie eine vorwiegend vergleichende und interpretierende.

Untersuchen wir in der Astronomie beispielsweise einen Veränderlichen, so kann man anhand der Lichtkurve, des Spektrums oder mit Hilfe von Radioteleskopen Rückschlüsse darauf ziehen, was mit dem Stern passiert, ob es ein Bedeckungs- oder Pulsationsveränderlicher ist, ob er einen lichtschwachen Begleiter hat oder es sich sogar um einen Kontaktstern usw. handelt. Haben wir in der Archäologie einen Text in einer alten Sprache, z. B. in Form von Hieroglyphen, vor uns, so kann man an dem Dokument selbst zunächst einmal eine Altersbestimmung, etwa durch die C14-Methode (die aber durch den Anstieg der natürlichen und von Menschen künstlich erzeugten Radioaktivität in der Atmosphäre unsicher geworden ist) vornehmen. Man hat dann den ungefähren Zeitraum, wann der Text erstellt wurde. Dieser muss dann interpretiert werden.

Dazu wäre es schön zu wissen, wer der Autor war, was dieser gedacht oder empfunden hat, was bei einer bildhaften Sprache wie die Hieroglyphen ein nahezu unmögliches Unterfangen ist. In vielen Fällen lässt sich zwar der Schreiber aufgrund der Namenskartusche herausfinden (wenn diese denn vollständig erhalten ist), teilweise unter Zuhilfenahme weiterer, möglicher Weise nur bruchstückhaft vorliegender Dokumente, aber kaum, welche Vorstellungen er hatte. Man muss also interpretieren, sich fragen, wie ein Text in das Umfeld der Epoche hineinpasst oder auch nicht. Zudem muss berücksichtigt werden, welche Absicht mit einem Text verfolgt wurde. Das alles zusammen bietet unendlich viel Raum für Spekulationen.

Und gerade davon gibt es mehr als genug. Neben dem ehrlichen Bemühen, astronomische Kenntnisse in der Vor- und Frühgeschichte, dem Altertum, der Antike oder auch späteren Epochen zu rekonstruieren, gibt es immer wieder Scharlatane, die ohne archäologisches oder astronomisches Wissen an Tempelbauten, Obelisken o.ä. herumrechnen, bis ein heller Stern über eine Ecke oder Kante hinweg „passt”. Diesem Stern soll dann der Bau gewidmet sein, wobei oft genug die Präzession der Erdachse aus Unkenntnis übersehen wird. Außerdem muss das untersuchte Objekt auch in den historischen Kontext eingebunden sein. So ist kaum zu erwarten, dass die alten Ägypter bereits elektrisches Licht kannten oder die Römer mit einem Motorrad um die sieben Hügel herumfuhren, oder, dass ein Volk, das kein Schreibgerät kannte, des Schreibens mächtig war!

Grundsätzlich spaltet sich die Astroarchäologie hier in zwei Lager: Diejenigen, die aus der Astronomie kommen, interpretieren aus alten Quellen viel himmelskundliches Wissen, diejenigen, die aus der Archäologie kommen, lesen aus den gleichen Quellen genau das Gegenteil heraus! Auch das macht auch die Beurteilung der astronomischen Kenntnisse der alten Ägypter so unglaublich schwierig, teilweise ist es einfach nicht möglich zu sagen, welches Wissen sie tatsächlich besaßen. Unter diesem Aspekt ist daher auch der nachfolgende Versuch einer Darstellung der altägyptischen Astronomie zu sehen.

Ägyptische Planetentafeln
Astronomie
Astronomische Inschriften in Gräbern
Astronomisches in den Pyramidentexten
Chronologie
Geschichte
Der ägyptische Kalender
Schöpfungsmythen
Der Tierkreis von Dendera
Sonnenverehrung, Sonnenkult
Das Weltbild der alten Ägypter


  
Vom Urknall zum Durchknall: Die absurde Jagd nach der Weltformel
Siehe auch:
Auf dem Holzweg durchs Universum: Warum sich die …
Der Stoff, aus dem der Kosmos ist: Raum, Zeit …
Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn?
Vor dem Urknall: Eine Reise hinter den Anfang …
Abschied
von der Weltformel: Die …
Das verständliche Universum: Wie unsere …
 
   
 
     

This web site is a part of the project SchoolLecture.com.
We are grateful to Manfred Holl for contributing this article.

Back to the topic site:
SchoolLecture.com/Startseite/Wissenschaft/Astronomie

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Copyright ©  |  Impressum